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  BuchBaum 00000 / Ast 1.4 vom 11062015

Lothar Köster   [i]
Notiz für Müller


Die Besprechung verlief normal. Es gab sechs relevante Fälle, drei laufende (an ihre Kollegen vergeben) und drei neue, die an ihre Kollegen vergeben wurden. Erst als alle bereits aufstanden und zur Tat schritten, bemerkte der Chef ihre Anwesenheit, wurde etwas verlegen, zauberte dann aber aus seinem Zettelstapel eine kleine Notiz hervor. "Kollegin Müller, Sie haben noch Kapazität, hier ist ein spannender Fall für sie. Kam vorhin rein. Kann ein richtiger Karriere-Kick werden. Stürzen Sie sich darauf!"

Sie hatte ein kleines Zimmer für sich, sehr klein, sehr für sich, und dort konnte sie in aller Ruhe die Fallakte studieren, die aus einem Zettel bestand, auf dem nur ein kurzer Satz stand. Soweit war das nichts Neues und im Rahmen ihrer Erwartungen. Aber nach vielen Jahren unscheinbarer Existenz am Katzentisch der Verbrechensbekämpfung hatte sie ein Gespür für Nischenfälle, die ihre Stelle legitimieren konnten.

"Handfeuerwaffe, ungeladen, in ordentlicher Kleidung versteckt, auf dem Flugfeld gefunden.

Erst eine Stunde alt; Rückruf: "Ja, diese Waffe, sonst hätten wir das gar nicht aufgenommen. Aber die Verpackung, das müssen Sie gesehen haben." Noch stand ein Aufseher Wache. "Komme" Ihre Kollegen waren mit den Dienstwagen losgefahren und mußten nun in Hinterhöfen, Nachtclubs oder muffigen Wohnungen recherchieren. Sie schwang sich auf ihr Fahrrad und war in zehn Minuten auf dem sonnigen Flugfeld.

"Total durchgeknallt!" Der vollschlanke Aufseher saß regungslos in seinem Fahrzeug, drei Meter von dem Fundort entfernt, und vertrat Volkes Stimme. Die private Parkaufsicht war kein Publikumsliebling, und so war niemand in die Nähe der Kleider gekommen. Von seiner Bürde der Verantwortung befreit, entschwebte er regungslos in einer Mineralölwolke.

Sie besah sich das Arrangement. Zunächst wirkte es wie in einem Slapstick-Comic, in dem jemand unter die Dampfwalze gerät. Alles wirkte wie im Moment der Ablage aufgebügelt. Tatsächlich war es schwierig, den Stoff vom Boden zu lösen. Er wirkte wie angeleimt oder zu stark gestärkt. Da im Umfeld nichts zu entdecken war und der Revolver schon vom Kollegen sichergestellt worden war, bestellte sie die Spurensicherung. "SpuSi für Frau Müller! Wieder eine Handtasche von der Parkbank nehmen?" Mit drei Durchschüssen und reichlich Kokain, das verkniff sie sich. "Ein leerer Anzug" - "Ist der schick? Paßt der mir?" Dir paßt kein Anzug, und in den Anzug paßt niemand, auch das verkniff sie sich. Sie würden das Zeug in ihr einsames Büro schaffen und vergessen.

Sie wartete noch ein Weilchen auf einem der rot-weißen Dekor-Boxen am Startbahnrand. Für den Skater und die Joggerin müßte sie morgen um 6:00 Uhr hier erscheinen. Aber es gab auch noch andere Schichtdienste auf diesem Feld. Schon nach einem Viertelstündchen schritt eine Flaschensammlerin die Bahn ab, links kontrollieren, zehn schnelle Schritte, rechts kontrollieren ...

Flaschensammelschicht ist Abends bei Schließung an den Ausgängen und morgens nach der Öffnung in der Weite des Feldes. Zwei Halbschichten, zwei halbe Schlafzeiten. Pfand floß hier reichlich. Die Frau war trotz des gesunden Arbeitsplatzes sehr nervös. Aber sie hatte den gestrigen Abend in Erinnerung. "War warm, viele sind länger geblieben - Manche gehn immer zur je entfernten Ecke, wenn sie jemand anmahnt, hin und her, die ganze Nacht." - "Nichts spannendes?" - "Sehr viele Flaschen" - "Und jenseits der Schicht?" - "Drei Sektflaschen" - "Kein Pfand" - "Kein Pfand, gab's darauf noch nie. Haben mir drei Business-Bienen gesteckt." - "Gentrifizierung" - "Nö, vielleicht Kunst, vielleicht Senat, weiß' nicht. Die waren stocknüchtern und steif wie Schwaben." - "Alkoholfreier Sekt" - "Nö, der Sekt hat gut gedreht." - "Die haben etwas abgegeben?" - "Nö, die Flaschen waren voll." - "Volle Flaschen geschenkt? Ist doch besser als Pfand!" - "Eine gab´s für die Familie, die anderen beiden biete ich heute im Netz an." - "Lohnt das?" - "Französischer Perlwein mit zehn Buchstaben, senkrecht!" - "Und die Bi-Bis im kleinen Schwarzen hatten ein Date auf dem Feld vermasselt." - "Nö, die kamen da im strengen EZB-Kostüm raus. Volle Kontrolle, Starkstromlächeln, und alle drei am Smartphone." - "Und Handtaschen ..." - "Nö, Gucci-Rollis, alle denselben." - "Phone, Rolli, keine Hand frei für Schampus ..." - "Das Leben ist ein Kompromiß." 22:30 Uhr, das wußte sie genau, denn die Wachleute hatten wie verliebte Obelixe das Tor für das Trio noch einmal weit aufgesperrt.

Bald saß sie wieder in ihrem Zimmer und betrachtete die Kleidung, die sie auf dem Boden im Urzustand ausgepackt hatte. Die Spurensicherung hatte gleich alles bei ihr abgeladen. Der Bericht, ein Blatt, darauf eine Zeile. "Keine Spuren, alles frisch gewaschen." Da war jetzt nichts zu wollen. Sie hatte nicht viel, aber es war ein Fall nach ihrem Geschmack. Warum war die Kleidung plattgebügelt worden? "Dampfwalze? Leim?" auf Klebezettel, an die Wand. Der Revolver war nicht geplättet. Den mußte sie sich schnell auf den Tisch holen. "Registriert? Geladen? Verwendet?" Drei Zettel, an die Wand. "Business-Bienen", an die Wand. Den Champagner sparte sie aus, behielt ihn aber im Hinterkopf. Und weil ihr inneres Ermittlungsteam so spannungsfrei wie wortkarg war, konnte sie nun in aller Ruhe grübeln.

Was war hier der Fall? Es sah zwar alles nach viel Geheimnis aus, aber eine Straftat lag nicht vor. Ein solider Anfangsverdacht, aber auf was? Sie sah das nächtliche Flugfeld, von der Stadt nicht unerheblich restbeleuchtet, und nun wollte sie jemanden sehen, der sich all diese Mühe macht, bevor er im beginnenden Tageslicht entdeckt wird. War das alles vorbereitet und nur ausgebreitet worden? Denkbar, sogar wahrscheinlich. Wer veranstaltet schon nachts eine große Schweinerei mit Leim und Wäsche, Schüsseln und Wasserkanister? "Vorbereitet", an die Wand. Dann aber konnte sie sich nicht vorstellen, daß jemand zur Sperrstunde mit einer solchen Aktion unentdeckt geblieben wäre. Es ging ja das Gerücht um, daß die Wachleute in den Sommernächten die jungen Pärchen mit Infrarot und Nachtsichtgeräten aufspüren würden.

Sie rief die stadtbekannte Sicherheitsfirma an, die auch diesen Auftrag rein zufällig bekommen hatte. "Keine schöne Nacht. Warme Sommernächte sind immer Stress. Viele Partys, viele Betrunkene, und wir kommen immer als Spaßverderber." - "Werden Sie nie eingeladen?" - "Unsere Leute werden immer eingeladen. Unbekannte Dunkelziffer! Aber wenn die mal nicht schwach werden, werden sie grob und kriegen nur Widerstand." - "Aber nicht bei den Damen!?" Sie erzählte kurz. "Ach, die drei verirrten Göttinnen, das war die ganze Nacht Gesprächsstoff. Da sind sie dann wie kleine Kinder. Das hat alle anderen Geschichten ausgestochen." Die aber wollte sie hören.

"Na, so Sachen wie die fünf Geschwister, acht Jahre abwärts, die wir erst im Morgengrauen entdeckt haben. Wollten mal heimlich zelten. Die Eltern stehen unter Schock. Oder die Legende vom nackten Jogger um Schlag Eins, Sommerzeit, also astronomisch Mitternacht, alles klar? So etwas kommt immer von den Frauen. Trotz Dunkelheit viele Details, aber nie ein Gesicht. Heute Nacht gleich zweimal gesehen. Und natürlich die Irrlichter. Um Zwei große Aufregung, zwei wollen ein Licht auf der Landebahn gesehen haben, rasen hin und finden nichts. Zehn Minuten später sehen sie auf dem Lerchenfeld ein blinkendes Licht, blau, sagen sie, alle fahren raus und finden nichts. Wahrscheinlich haben sie dabei alle Lerchennester zertrampelt. Nachts sehen sie immer Gespenster, von weitem ganz deutlich, vor nahem nichts. Das ist nicht gerade die Elite der Aufklärung." Bei der Bezahlung bekommt ihr keine Akademiker! Das verkniff sie sich.

"Jemand mit auffälligem Gepäck?" - "Die Leute kiten, grillen, studieren, zelten und skaten auf dem Feld. Hier gibt es keine unauffälligen Tragelasten." - "Aber die drei Geschäftsfrauen waren doch auffällig. Was haben die denn so getrieben?" - "Das ist das einzige wirklich Auffällige: Keiner hat sie irgendwann und irgendwo auf dem Feld bemerkt. Zur Schließzeit, also 22:30 Uhr, ist noch helle Dämmerung. Trotzdem müssen die aus dem Nichts erschienen sein. Um diese Zeit machen wir nichts als Almabtrieb, volle Kontrolle, aber keiner von uns hat sie vorher irgendwo gesehen."

Sie saß vor der plattgebügelten Kleidung und grübelte. Die Kleidung war vollständig, von innen nach außen, von der Krawatte bis zu den Schuhen. Das war eine beeindruckende Tatsache, aber eine klare Geschichte war es nicht. War es doch nur das Erstlingswerk eines Kunststudenten, ein sozialkritisches Mahnmal? Sie schloß ab und lief die fünf Minuten zur Wache hinüber, in der die Waffe gelagert wurde. Ihre Existenz machte die Sache wenigstens ansatzweise zu einem Fall. Der Beamte, der sie gesichert hatte, verwies sie wortlos an seinen Chef. Der machte gegen jegliche Gewohnheit keinen flotten Spruch zu ihren Nischenfällen, sondern sah sich im Gang um, winkte sie herein und ließ sie die Tür schließen. Dann schloss er einen Sicherheitsschrank auf, holte eine Kiste heraus, daraus einen großen Umschlag und daraus eine Plastiktüte. Die hielt er mit steinerner Miene eine halbe Minute in die Luft vor sich, bevor er sie ihr endlich übergab.

Und während sie einen erstaunten Blick in die Tüte warf, ließ er sich auf seinen Sessel fallen. "Diesen Fall sollten sie auf keinen Fall unterschätzen."