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  BuchBaum 00000 / Ast 1.2.2 vom 11062015

Lothar Köster   [i]
Irrwege


Maria ging langsam um den Fundort herum und betrachtete den Plastikrevolver mit der improvisierten Lupe. Karl hatte den Fall damit eigentlich abgehakt. Man sollte ihn besser nicht in den Akten erwähnen. Der Sicherheitsdienst des Feldes sollte das hier wegräumen. Vielleicht fand sich etwas anderes in den Ablagen. Maria beobachtete, leuchtete, tastete. Er klopfte ihr auf die Schulter. "Kinderspielzeug aus dem Internet. Gib es auf!" - "Internet, stimmt wahrscheinlich. Ausgedruckt." - "Was meint Sie? Abgedrückt, Eingedrückt, ..." - "Ausgedruckt. Auflösung unter Null Komma Null Fünf. Ein 3-D-Drucker, mein Herr Kommissar. Frag er seine Kinder." - "Sauber gearbeitet, Maria, ich hätte jetzt schon fast einen Müllsack geholt. Langsam sollten wir uns aber Gedanken machen, wie wir die Sachen sichern und bergen. Wir wollen hier ja kein Zelt aufbauen."

Maria hatte Tüten und Etiketten in allen Größen dabei. In einer halben Stunde waren die Sachen laborfertig verpackt und zum Auto geschafft. Sie freute sich auf das aufgeräumte Präsidium, er entschied sich für weitere Feldforschung. "Ein Spürhund wäre nicht falsch." Der Kollege freute sich auf einen Einsatz in offener Landschaft und wollte in Kürze erscheinen. Karl gab die Koordinaten durch und bummelte noch etwas ziellos durch das Umfeld ihres hoffnungsfrohen Tatortes.

Das gute alte Flugfeld, dachte er angesichts dieser beruhigenden Weite für sich. Das korrigierte er sogleich, denn als Park war es erst einige Jahre offen. Und schon nach einem Jahr hatten die Besucher Gewohnheiten entwickelt. Mancher hatte seine Ecke und Nische gefunden. Die Kiter kannten die Außenbahnen nicht, die Radrenner nicht den Biergarten, und die Drachenhalter mieden die Turbulenzen vor dem riesigen Flughafengebäude. Drachen! Er erblickte auf halber Entfernung zum Ausgang einen einsamen Drachen in der Luft. Hoch, klein, bescheiden, aber unbeirrt. Er erinnerte sich, diesen Drachen fast immer dort gesehen zu haben. Jeder Drachen hatte einen Halter, und dieser hatte vermutlich viel Zeit zur Umsicht. "Maria, wir haben vielleicht einen interessanten Zeugen. Kannst Du Dich wieder herbegeben? Ich warte ja auf den Spürhund." Er erläuterte ihr am Telefon kurz die Situation, während er auf der Landebahn schon Hund und Halter kommen sah.

"Un wat soll ick nu vor sene Nase halten? N'en Stadtplan?" Daran hatte er natürlich gedacht, als sie die Sachen eingetütet hatte. Er zog einen Beutel mit einer Socke hervor. Der Hundeführer machte noch ein paar mürrische Kommentare, aber sein Hund strahlte Ruhe und Konzentration aus. Er schnupperte an der Socke, er schnupperte am Boden, er stand ruhig im Wind und wartete. Als sich die Luft etwas beruhigte, trabte er vorsichtig los, zog ein paar Schleifen über den Asphalt und nahm die Richtung der Feldmitte. Aha, dachte Karl. "Jeht doch", murrte der Führer. Der Hund zog souverän.

Allerdings beschritt er einen enger werdenden Bogen nach links. "Hundekurve?!" Ein vernichtender Blick des Führers, aber der Hund blieb dem sprichwörtlichen Kurs treu und hatte dadurch bald den Bogen bis zum Ausgang geschlagen. Zielsicher zog er die beiden über zwei weitere, kleinere Schleifen und einen längeren Haken, bis er sie durch das Eingangstor in den davor liegenden Friedhofstreifen zog. "Det jibt Ärjer" Karl verstand diese Einschätzung nicht, bis der Führer auf einige Zeitgenossen im hinteren Gebüsch zeigte, die mit Hunden bis Schulterhöhe spielten. Das Gräberfeld war schon lange aus der Nutzung und jetzt das Revier der Großwild-Halter.

Allerdings zog der Hund sie nun in kurzem Bogen auf den seitlichWeg und zu einer Bank. An der Bank lehnte ein altes Fahrrad. Auf der Bank saß eine rundliche Erscheinung in Trainingsanzug, mit Bierflasche in der Hand und zwei mittelhohe Mischhunde ruhend neben sich. Die beiden spitzten die Ohren und knurrten, aber der Spürhund zog sich hinter seinen Führer zurück und schien mit seiner Arbeit zufrieden. "Da hamse'n Täter!" Die Äußerung war unbedacht.

Die Hunde waren nicht das Problem. "BULLENTERROR! BÜRGERWÜRGER..." Die beiden fanden sich im unmittelbaren Verheerungsbereich einer plinianischen Eruption. Ein pyroklastischer Strom von cholerischer Wut fegte über sie hinweg, von dem hier nichts wiederzugeben ist. Der Trainingsanzug bebte minutenlang, bis allmählich eine Beruhigung einsetzte. Das Ende des Ausbruchs wurde mit einem Schluck Bier quittiert, der letzte in dieser Flasche. Drei leere standen vor der Bank. "Sie sind der Zeuge, den wir suchen" Karl hatte sich an die überlieferte Schilderung des Sicherheitsdienstes erinnert und versuchte es diplomatisch. "Wen haben Sie heute morgen alles bemerkt?" Der folgende, deutlich energieärmere Ausbruch galt den zwei Sportlern, die seine Hunde mit der Ultraschall-App mißhandelt hatten. Letztlich war keine brauchbare Information aus ihm herauszuholen, und sie zogen sich aus dem Gefahrenbereich zurück.

"Unwetterartiges Gewitter" - "Sehr unspezifisches Opferschema" Der Hundeführer erläuterte noch das Mißgeschick. "Hundespuren sind ihm eben lieber. Der Socke war zu gut gewaschen." Von einem neuen Versuch sahen sie ab, als sie auf dem Feld ein halbes Dutzend Hunde herumstreunen sahen. Das Duo verabschiedete sich, und Karl traf am Zaun auf seine Maria, die sich über sein Abenteuer köstlich amüsierte. "Nach dem Höllenhund nun den Himmelsdrachen." Sie suchten den Drachen im Himmel, verfolgten die dünne Schnur zum Boden hinab und sahen dort unten ein unscheinbares Paar auf einem Begrenzungspolder sitzen. "Schnell, bevor sie ihn einholen." Diese Sorge war unberechtigt. Das Paar, wohl in den Siebzigern, saß in zeitloser Ruhe. Er hielt rechts die Schnur, sie hielt rechts seine Hand.

"Wir sitzen immer hier." - "Wenn kein Sturm ist." - "Wenn der Drachen fliegt." - "Er fliegt fast immer." Karl war so irritiert wie neugierig. "Sie lassen einfach nur den Drachen steigen?" - "Ja" - "Ja" - "Es ist dann so friedlich hier." - "All die Menschen" - "Man kann ihnen zuhören." - "Hier kann man ihnen zuhören." - "Unsere Wohnung ist so eng." - "Der Himmel ist hier sehr hoch." - "Wir haben die Schnur schon dreimal verlängert." - "In der einen Hand halte ich den Himmel." - "In der anderen Hand hält er mich." - "Damit ich nicht wegfliege." - "Wenn es soweit ist, fliegen wir zusammen."

Sie erzählten noch von vielen Menschen, die ihnen aufgefallen waren. Sie waren sehr gute Beobachter. Leider saßen sie immer an derselben Stelle, und in derselben Richtung. Mit dem Rücken zum Tatort!

Maria tippte Karl auf die Schulter. Der war über diese Erzählung wieder in den Ostpakistanischen Trakkingmodus verfallen und hätte noch Stunden zuhören können. Als er ihrem Blick folgte, sah er nichts, was eine solche Störung legitimieren könnte. Sie blieb beharrlich, aber er starrte vergeblich auf die wenigen Leute, die mittlerweile auf der Landebahn herumspazierten. Die Drachenfrau drehte sich interessiert um und musterte die Szene einige Augenblicke. "Die Frau sucht einen Punkt." Karl fühlte sich nun von allen auf den Arm genommen. "Welche Frau? Welch Punkt?" Er sah mindestens fünf Frauen. "Die Frau mit dem großen blauen Telefon sucht einen GPS-Punkt." Sie mußten sich verabschieden. Er hinterließ noch, hoch beeindruckt, sein Kärtchen und rannte hinter Maria her.

"Wieso hat sie das so genau erkannt?" - "Du mußt schauen. Alle hatten ihre feste Richtung. Nur sie wechselte die Richtung nach jedem Blick auf das Telefon. GPS kann ziemlich schwanken. Siehst Du, sie sucht immer noch." Sie näherten sich vorsichtig und sahen ihr zu. Die fragliche Frau stand im besten Business-Kostüm und mit Laptop-Tasche auf dem Asphalt und wartete auf die nächste Richtungsweisung. Aber irgendwie war es ihr nun zu bunt. Sie stieß einen ordentlichen Business-Fluch aus, warf das Telefon in ihre Tasche und hob den Blick. "Where are You?"

Aber jetzt blickte sie Karl und Maria genau in die Augen, und weil diese sie so offensichtlich beobachteten, war die Observation beendet. "Forbitten to cross the asphalt?" Karl grinste über diese Verdrehung des Klischees, Maria suchte ihren Ausweis. "Ist es verboten, den Asphalt zu betreten?" - "Wir sind keine Parkwächter. Sie suchen etwas?" - "Ja. Genauer gesagt bin ich verabredet, ganz unromantisch mit GPS-Koordinaten. Aber hier kann man ja niemanden übersehen." - "Wie sonst soll man sich in einer Steppe treffen. Das klingt logisch." - "Leider scheint sich mein Mann mehr in der Zeit denn im Raum verlaufen zu haben." - "Er ist also verspätet?" - "Nein, eher umgekehrt. Er hat mir eine Zeit mitgeteilt, die in dieser Zeitzone mitten in der Nacht lag. Und da war der Park geschlossen. Jetzt habe ich es als Rechenfehler gedeutet, also plus neun Stunden, aber er ist eben auch jetzt nicht erschienen."

Wie sollte man es ihr sagen? Karl stellte mit einem Blick fest, daß sie wirklich genau auf der Fundstelle standen. "Wir haben heute morgen etwas gefunden." - "No!" Das war schlecht formuliert. Sie war sofort kreidebleich. "Nein, vergessen Sie das. Wir haben nur Kleidung gefunden." Das hatte es nicht besser gemacht. Der Albtraum war in der Welt, und sie setzte sich, Business hin und her, einfach auf den Asphalt und weinte los. Erst viele Minuten später und nach einer präzisen Schilderung des sonderbaren Fundes, mehrfach wiederholt, konnte sie sich etwas fassen. Seltsame Präsentation hin und her, sie erkannte die Kleidung sofort, und sie vermißte ihren Mann darin. Karl und Maria, die nun selbst neben Ihr saßen, konnten das nicht wegreden. So war die Lage. Die Kleidung war pünktlich erschienen, ihr Mann fehlte. Um sein nacktes Leben ging es nun.