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  BuchBaum 00000 / Ast 1.2 vom 11062015

Lothar Köster   [i]
Kommissar Oster sucht einen Fall


Das war ein ewiger Kampf. Und weil ein ewiger Kampf prinzipbedingt nie gewonnen werden kann, kommt es lediglich darauf an, weiterzukämpfen und so wenigstens ewig im Spiel zu bleiben. Kommissar Karl Oster kam aus dem Urlaub zurück, eine wie immer schwierige Rückkehr, die sich zuspitzte auf diesen Moment, in dem er sein Dienstzimmer wieder betrat. Er stand in der Tür, die Entspanntheit Ostpakistanischer Bergvölker im Rücken, und was sah er: Sein persönlich gestaltetes Arbeitsumfeld war in eine bürokratische Parallelwelt verwandelt worden. Parallelisierte Schreibtische, parallelisierte Tischkalender, Monitore, Tastaturen ... sogar die drei Topfpflanzen waren in Reihe getrimmt worden, statt sie angemessen zu gießen. Besonders hübsch waren die fünf Bleistifte, nicht nur in die Parallaxe gezwungen, sondern nach Länge geordnet. Kiff und Alkohol waren schlimm, Nikotin richtig häßlich, aber Ordnungssucht war höchst pathologisch und vermutlich unheilbar.

"Mariiia! Was führst Du für ein sündiges Leben! Der Herrgott wird Dich einst in sein staubiges Archiv verbannen." - "Oaba hia muus doch Herrgotts noch amoal a Oardnung ..." - "Fluch der Bösen Tat! Das wirst Du alles wieder aufräumen! Zum Angelus mußt Du es richten!" Er wollte ohnehin erst einmal in die Kantine hinunter und sich etwas umhören.

Eine Stunde später hatte er alles erfahren, was sich in den letzten vier Wochen getan oder nicht getan hatte. Seine Rückkehr schien nicht gerade notwendig, und er träumte sogleich von einem neue Eseltrakking. Aber er wollte heute irgend etwas auf seinen Schreibtisch ziehen. "Habt Ihr denn überhaupt keinen Fall für mich vorbereitet? Keinen schweren Brocken, kein krasses Rätsel?" Seine Chefin, die einen Montag Vormittag auch gerne anplauderte, zuckte die Schultern. "Die U-Bahn wird saniert, also sind die 'Gebrüder Koks' oben in Kreuzberg. Die Klans aus den billigen Straßen scheinen alle eine Grippe auszukurieren und sind zu schwach für Fehden. Nicht mal Wagen wurden geknackt. Soll ich jemanden zum Anzetteln losschicken?" - "Gentrifizierung. Die Studenten nehmen die Spannung aus dem Viertel." - "Der Lauf der Dinge. Da müssen wir durch. Erst wenn die Warthestraße von Anwälten aufgekauft ist, gibt es wieder Crime. Aber da sind mir die 'Gebrüder Koks' lieber. Gott, vor fünf Jahren standen diese Orgelpfeifen-Kindlein noch im Sandkasten. Gut, sie haben den Spielplatz kontrolliert und die Einzelkinder abgezockt. Aber irgendwie ist das doch alles vertraut, wie Familie."

Er gab Maria eine Gnadenfrist und fing den Pressesprecher ab. "Fatal, fatal! Auch für die Presse! In Wilmersdorf werden Witwen geräubert, in Dahlem brannten gestern drei Benze, der Westen ist rot, und in Neukölln nichts Neues. Seit das Feld offen ist, wird nicht mal der Müll ordentlich auf die Straße geschmissen. Da hat heute Morgen ein Schwabe seine aussortierte Quartalskleidung gewaschen und gebügelt auf die Landebahn gelegt. Auf die Mittellinie!" Nach drei Sekunden war seine Vorstellungskraft hinterher gekommen. "MARIA!"

Man braucht einen Instinkt für die unmöglichen Dinge. Ein Kind kann verträumt sein, es kann krank sein bis zum Fieberrausch, aber es wird niemals tun, was ihm gesagt wurde. Und in Neukölln werden selbst die Anwälte und Immobilienmakler, die in zwanzig Jahren das Viertel übernommen haben werden, den Müll nachts auf die Straße schmeißen. So etwas sitzt zu tief, das ist vorchristlich. Gebügelte Wäsche auf einer Linie! Also wußte er, daß er einen Fall hatte. Und er kannte einen ausgewiesenen Experten in punkto Strukturopathie.

Maria war ein Phänomen. Sie hatte tatsächlich seinen Begrüßungsstunk als Dienstanweisung angenommen und noch über ihr Ordnungsbedürfnis gestellt. Er stand staunend in der Tür und schaute minutenlang zu, wie sie Stück um Stück in die alte Unordnung brachte. Angestrengt versuchte sie sich zu erinnern, wo er vor vier Wochen die Akte 'U-Bahn-Schlägerei' hingeworfen hatte, statt sie abzuheften. Er nahm sie ihr aus der Hand und warf sie hinter sich, vermutlich sogar an die alte Stelle. "Maria, es wird ernst. Wir haben einen grausigen Fund von Ordnung gemeldet bekommen. Wirf dir die Einsatztasche über, kämme Dein Haar, und vergiß den Mantel nicht. Es ist noch frisch auf dem Flugfeld."

Sie mochte das Feld nicht. Mitten in der Stadt ein ungepflegter Rasen voller Mäuse und lärmenden Vögeln. "Wenigstens ordentliche Bordsteine sollte man ..." Aber sie war mit strammem Schritt voraus gerannt und stand schon mit der Kamera bereit, als er sie erreichte. Sie waren von dem Anblick beide fasziniert, wenn auch aus konträren Perspektiven. "Karl, Karl, des is a bäs!" - "Ich dachte, Du liebst Ordnung?" - "Oa Liab mocht's di blend, oaba a Sistem moarch's di kluarg. A Orrdnung is net a Orrdnung. Un des is a bäs." Er wußte genau, warum er sich vor einem guten Jahr für diese Bewerberin aus dem tiefsten Bayern interessiert hatte. Sie glich einige seiner Schwächen auf's Trefflichste aus, denn sie war eine Expertin für Ordnungen in allen Schattierungen. Wenn sie jemanden einen Zettel reichte, hatte sie ihn nach drei Sekunden charakterisiert. Sie zählte aus dem Stand ein Dutzend Varianten auf, Papier anzufassen und in die Tasche zu stecken. Oder sie bat jemanden um Wechselgeld und konnte über den Zustand des Portemonnaie ganze Berichte füllen. Und wenn er sie heute morgen nicht so rüde aufgezogen hätte, spräche sie auch ein ordentliches Hochdeutsch.

"Maria, riechst Du das auch?" Er ging zu dem Beamten hinüber, der am Rande der Landebahn saß und den Fundort bewachte. Die Landebahn war sehr breit, und bis er ihn erreicht hatte, konnte dieser in aller Ruhe seine Tüte ausdrücken und in die Brieftasche stecken. "Nichts verändert, fast nichts berührt. Diese schrägen Vögel habe ich notiert und weggeschickt. Joggerin, Skater, Narr, keiner hat niemanden gesehen und nicht Verdächtiges bemerkt. Keiner von denen konnte mal einen Augenblick stillstehen." - "Und einen durchziehen?" Maria hatte zugehört und es herüber gerufen, während sie um das Relikt herumschlich. Oster klopfte dem entspannten Beamten auf die Schulter und schlenderte zur Mittellinie zurück, ein halbes Fußballfeld. Die berüchtigten Lärm-Lerchen versteckten sich im Himmel, ein milder Frühlingswind wehte vom Horizont herüber, und wenn er sehr leise ging und nicht schlurfte, konnte er die Stadt hören. Das war zwar kein Pakistanisches Himalaya-Tal, aber der beste Ort, sich daran zu erinnern. Und endlich begann ein Fall nicht mit einem Blutbad hinter den Mülltonnen, sondern mit einem 1a-Rätsel auf dem sonnigen Flugfeld. Das sollte Vorschrift oder wenigstens ins Dienstrecht übernommen werden.

"Was fällt Dir auf, Karl?" Nicht einmal das R war gerollt, Maria Moosbach aus Passau hatte ihren Zorn vergessen und die Homes-Mütze übergezogen. "Kein Umweltdelikt. Eher umgekehrt, ein schweres Gentrifizierungsvergehen. Aber Maria, wer trägt denn sowas?! Ich meine, in Neukölln!" - "Saubere Wäsche, Anzüge, gute Schuhe? Die Makler, die gerade hier einfallen. Die Eltern der Studenten, die hier Wohnungen finden. Die vielen kleinen Unternehmer, Journalisten, Lehrer, Anwälte, Architekten und die viel zu wenigen Ärzte, die sich hier eingeschlichen haben. Die Handlungsreisenden, erfolglose Webdesigner, Sektenpsychotiker, na, das geht dann wohl schnell durcheinander. Nicht alle laufen in Jeans und Hanfjacken herum wie Du!" - "Aber das hier ist ja nicht nur irgend ein Haufen besserer Kleidung. Das ist doch eine Präsentation, fast wie im Schaufenster." - "Kein Kleiderladen nadelt heute noch seine Anzüge auf einer Pappfläche auf. Dort stecken Puppen in den Jacken, rundum tolle Typen, mit Muskeln und Kurven wie Barbie. Kleidung macht Leute, versprochen!" Er ging in aller Ruhe und Ratlosigkeit um das Mahnmal des unbekannten Anzugträgers herum und fand keine Ansatzpunkte für einen akzeptablen Deutungsansatz. "Ein Studentenspaß? Filmen die das, stellen die uns ins Netz?" Es waren weder Beschädigungen noch irgendwelche Löcher zu sehen, keine Abnutzungsstellen, keine Flecken. "Ist wohl frisch aus der Reinigung." - "Karl! Welche Reinigung würde einer Anzughose seitlich Falten einbügeln statt vorne? Und den Hemdsärmeln? Selbst der Ledergürtel ist geplättet worden, frag mich nicht wie." Sie fotografierte ein Detail nach dem anderen. Er ging freiwillig auf die andere Seite gegenüber und versuchte, diese Plättung der Kleider zu verstehen. Dann griff auch er zu dem obligatorischen Kugelschreiber und versuchte, den Hemdkragen ohne Kontamination hochzuheben. Doch der wollte nicht. Die Manschette auch nicht. Erst als er es bei dem tatsächlich scharf geknickten Gürtel versuchte, und zwar nun mit Gewalt, wurde er fündig. Mit einem Ruck löste sich der obere Gürtellauf und stand dann als Schlaufe hoch in die Luft. Im Leder blitzte etwas. "Stecknadeln, einfach Stecknadeln!" Sie kam herum, fotografierte, schaute, hakte das Kameraobjektiv heraus und nutzte es als Lupe. "Schmoarren, dees! Das ist Silberdraht, höchstens Null Komma Drei Millimeter. Sorgfältige Handarbeit. Das ist sogar für Organisiertes Verbrechen ein sehr hohes Niveau." - "OV? Wie kommst Du darauf?" - "Der Aufwand eben. Und natürlich die fette Handfeuerwaffe unter der Jacke!" Er grinste und schlug mehrmals mit der Metallhülle seines Kugelschreibers auf den schwarz lackierten Waffenkörper. Das Geräusch war schändlich eindeutig. "Das, Maria, ist ziemlich unprofessionelles Weichplastik!"


Fortsetzungen:
    [1.2.1] Kommissar Oster in der Feldforschung
    [1.2.2] Irrwege